Inanna und Ereschkigal

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In diesen Tagen fragte ich mich öfter, was die Himmelsgöttin Inanna wohl zu ihrer dunklen Schwester Ereschkigal sagte, als sie dort in der tiefsten Tiefe der Unterwelt vor ihr stand…und mit welcher Einstellung und welchem Ziel sie wohl überhaupt da hinunterstieg.

Wenn ich mir die Reaktion von Erschkigal bei ihrer Begegnung mit Inanna anschaue, ihre ungezügelte Wut und ihren Todeshass auf ihre Himmelsschwester, kommt in mir die Vermutung auf, dass Inanna auf keinen Fall demütig und verständnisvoll und mitfühlend vor Ereschkigal stand.

Als Göttin des Himmels und der Erde war Inanna absolut erhaben, hatte sehr viel Wissen und Weisheit und übte großen Einfluss auf die Geschicke der Welt und im Leben der Menschen aus. Sie war es gewöhnt, zu herrschen, zu gewinnen. Sie hatte alle Attribute, Qualitäten und Fähigkeiten, um ihre Welten  unter Kontrolle zu halten. Dafür wurde sie verehrt und geliebt und respektiert.

Was war dann wohl der Grund, dass sie überhaupt hinunterstieg ins große Unten zu ihrer Schwester, der dunklen Göttin… zumal man sagte, dass von dort noch nie jemand zurückgekehrt sei.

Es gibt unterschiedliche Versionen des Mythos:

∇ Inanna stieg aus Übermut und Abenteuerlust hinunter, weil sie sich langweilte in ihrer abgehobenen Himmelswelt und auch das Erdenleben durch ihre Hochzeit mit einem Menschenmann für sie keine großen Geheimnisse mehr hatte. Sie war wohl ein bisschen überdrüssig geworden und suchte neue Herausforderungen.

∇ Inanna wollte ihrer Schwester den Krieg erklären.

∇ Inanna wollte ihr entführtes Kind aus der Unterwelt retten.

∇ Inanna wollte ihren entführten Mann Dumuzi aus der Unterwelt retten.

Ich glaube, Inanna hörte einen tiefen Ruf nach Ganzheit in sich, nach Vereinigung, nach Wiederanbindung, nach Wurzeln, nach Lebendigkeit. Sie fühlte instinktiv, dass dieses Leben da oben nicht alles war, was es zu erfahren gab.

Es fehlte die Tiefe. Das Erden-und Himmelsleben war buchstäblich oberflächlich. Luxusgüter, Festgelage, Sex, Unterhaltung und abgehobenes Machtgehabe…all das nährte sie nicht, hatte keine Substanz, war hohles Getue und Gerede. Etwas Unbenennbares fehlte.

Ihre unterschwellige Sehnsucht zog sie hinunter. Dessen war sie sich aber nicht bewusst.

Wenn ich tiefer schaue, nehme ich auch ein gewisses Bedürfnis nach mehr Sicherheit, also unterschwellig Angst, Unsicherheit, Zweifel und Mangelempfinden, bei Inanna wahr. Diese Sicherheit versprach sie sich wohl durch die Eroberung und die Kontrolle der Unterwelt.

Und da Inanna nun mal eine Königin und Göttin war, beging sie diese Reise in königlicher stolzer Haltung. Auch wenn sie an jedem  Tor der Unterwelt weiteren Attribute der Macht ablegen musste, wie ihre Krone, das Zepter, den königlichen Schmuck und zu guter Letzt auch ihre Kleider, so behielt sie doch  ihren Stolz und eine gewissse Arroganz an.

So trat sie schließlich Ereschkigal gegenüber.

Und anstatt bei Ereschkigals schauerlichem Anblick, ihrer tiefen Verzweiflung  und ihrer Zerfressenheit Mitgefühl mit ihr zu haben, anstatt sich um die gebrochene Schwester  zu kümmern, sie zu hören  und Verständnis zu üben, stand sie da und erwartete Anerkennung, Lob und womöglich eine Belohnung. Schließlich hatte sie Großes geleistet und überdurchschnittlichen Mut bewiesen. Sie hatte ihre Aufgabe mit Bravour erfüllt und die sieben Tore gewissenhaft wie eine Checkliste abgefertigt.

In ihrer Ignoranz war sie sich nicht einmal bewusst, was sie erwarten würde. Sie fragte sich das gar nicht. Hatte nur ihr Vorhaben im Auge. Es scheint mir, sie war in ihrer Handlung bzw. Erfahrung entweder nicht ganz präsent oder einfach nur naiv. Vielleicht distanzierte sie sich unbewusst von ihrer Erfahrung und ignorierte die Schwere und die Tiefe der Unterwelt-Energie…sie machte eine bis dato eher mentale, nicht verkörperte Erfahrung  könnte man sagen. Sie hatte eine Vorstellung davon, wie ihre Reise und das Ergebnis davon aussehen sollte und war möglicherweise nicht empfänglich für die Erfahrung selbst. Sie wollte nur ein Ziel erreichen. Etwas dazugewinnen. Mehr Macht, mehr Sicherheit, mehr Wissen, mehr Ansehen. Das war es, was man sie gelehrt hatte, was im Leben zählte.

Aber sie hatte nicht mit der Wucht von Ereschkigals wilder Reaktion gerechnet.

Im strahlenden Licht, das Inanna durch ihr Erscheinen in ihre dunkle Welt brachte, erblickte Ereschkigal sich selbst, ihr erschreckendes und abstoßendes eigenes Spiegelbild und ihren abgrundtiefen Schmerz.

Dass Inanna mit solch einer arroganten und ahnungslosen Attitüde vor ihr stand, machte ihre Demütigung auf eine grausame Weise perfekt. Wie schrecklich verlassen muss sie sich vorgekommen sein in der Anwesenheit der wunderschönen stolzen Schwester, die alles hatte und die sie in ihrem Schmerz und ihrer Verlassenheit überhaupt nicht zur Kenntnis nahm, sondern nur ihre eigenen egoistischen und oberflächlichen Ziele nach  Festigung und Ausweitung ihrer Macht und gesteigertes Ansehen im Auge hatte.

In ihrer unsäglichen Not, auf dem Gipfel ihrer Verzweiflung angekommen, tötete Ereschkigal ihre Himmelsschwester mit einem hasserfüllten Blick und ließ ihren Körper von ihren Wachen an einen Haken hängen, damit sie dort verrotten möge…

Und was hat das alles mit dir und mir zu tun?

Wie sieht es aus mit deiner und meiner dunklen Schwester, unseren ungeliebten und verbannten Anteilen?

Mit welcher Haltung steigen wir hinab zu ihr in die Unterwelt?

Wie begegnen wir unserer dunklen Schwester?

Schauen wir sie an?

Fühlen wir sie? Fühlen wir uns in sie ein? Spüren wir ihre Not? Ihre Angst? Ihre Sehnsucht? Ihre Verlorenheit?

Hören wir ihr zu? Fragen wir nach?

Umarmen wir sie?

Ist unser Herz empfänglich und rein genug, sie zu  lieben?

Wie begegnen wir unseren Herausforderungen, wenn wir gezwungen sind, uns ihnen zu stellen?

Steigen wir nicht auch oft hinab mit der Einstellung, etwas bearbeiten oder regeln zu müssen? Wollen wir es nicht schnell hinter uns haben, damit das Leben wieder zügig seinen gewohnten Ablauf nimmt?

Und wenn wir  nur brav unsere Aufgabe erledigen, uns selbst wieder reparieren, während wir anderen nicht zur Last fallen und auf die Nerven gehen, wird uns das Leben uns schon belohnen.

Steigen wir nicht  oft -gezwungenermaßen- hinab mit dem Ziel, dabei wenigstens uns selbst zu verbessern? Denn Gebrochensein und „Nicht weiterwissen“ und „Scheitern“  kommt schließlich nicht gut an in dieser dynamischen, leistungsorientierten Scheinwelt. Und so wollen wir auch auf dem Abstieg in die Unterwelt die Kontrolle behalten…uns nicht zu sehr „gehen lassen“, aus Angst, dann nicht mehr aufstehen zu können.

Vertraue der Kraft und der Weisheit der dunklen Schwester !

Wir haben vergessen, dass Transformation und Entwicklung Zyklen und Rhythmen braucht. Wir haben vergessen, dass Tiefe und Dunkel nichts Bedrohliches sind und gerade der Punkt der völligen Kapitulation und Hingabe ein Portal zu unserer Ganzheit und Integrität ist. Wenn wir dieses Portal vollkommen präsent, ehrlich und mit Hingabe durchschreiten, finden wir hier unsere wirkliche unerschütterliche Kraft.

Die authentische Souveränität und fürsorgliche (Selbst-)Verantwortung einer wahren Königin.

~ Claudia@womanessence

Bild: Giulia Bertelli, Unsplash, CC0

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