Bevor jemand ihren Namen formte, war sie kein Wesen, das man greifen konnte. Sie war der Atem zwischen den Dingen, der Wind in den Schwellen, das Flüstern in den Ritzen, das kommt und geht, ohne zu gehen. Sie hatte keinen beweglichen Körper, keine Form – sie war Bewegung selbst.
In frühen mesopotamischen Erwähnungen nahm sie Gestalt an, noch immer ungebunden, noch immer ein Grenzgeist: Lilitu, Ardat-Lilî. Sie war nicht böse aber mächtig und verführerisch. Sie kam zu den Männern im Schlaf, wie ein Hauch von Sehnsucht und Verlangen, das die Männer berührte, ohne dass ihre Hände es greifen konnten. Sie blieb im Zwischenraum – zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Traum und Realität.
In diesem Dazwischen war sie grenzüberschreitend: Sie weckte Sehnsucht, verschob die Grenzen des Erlaubten und hinterließ Spuren, die spürbar, aber nie festzuhalten waren:
Lilith als Grenzgeist, als Verkörperung der freien, ungebundenen weiblichen Sexualität, die man noch nicht dämonisiert hat.
In akkadischen Zaubertexten begannen die Menschen, sie zu konkretisieren: Längere Haare, Krallen, Flügel – Sie wurde zur fiktiven Gestalt für eine dunkle weibliche Macht, die aus dem Diffusen in die Wahrnehmbarkeit tritt. Sie steht auf der Schwelle zwischen Sichtbarkeit und Unfassbarkeit, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen dem, was benannt werden kann, und dem, was sich jeder Einordnung entzieht. Sie bleibt ein Bewegungsraum, ein Dazwischen. Das macht sie zu einer Gestalt, die gerade durch das Sichtbarwerden die Grenzen der Ordnung sichtbar macht, anstatt sich von ihr begrenzen zu lassen.
Lilith verkörperte das, was den damaligen Ordnungen entglitt: Freiheit, Unabhängigkeit, erotische Eigenmacht des Weiblichen, nächtliche unkontrollierbare weibliche Kräfte.
In der mittelalterlichen jüdischen Tradition entstand schließlich die Geschichte der ersten Frau: Lilith spricht den unaussprechlichen Namen aus. Sie sagt nicht nur etwas, sie entfesselt eine Kraft, die in der Welt bisher gebunden war. Mit diesem Atem, mit dieser Energie löst sie sich aus Unterordnung, folgt ihrer innewohnenden Wahrheit, verlässt die Ordnung, die ihr die Macht über ihren Körper, ihre Lust, ihr Sein nehmen wollte. Die Welt, die sie hält, wird sichtbar, und ihre Eigenmacht wirbelt wie der Wind durch die Räume, die sie verlässt.
In unserer Zeit kann dies verstanden werden wie das Aussprechen von Missständen, das Benennen unsichtbarer Kräfte, die bislang ungehört blieben. Wenn wir sagen, was uns begrenzt, was uns verletzt, wenn wir klare Worte finden für Strukturen, die Macht über uns ausüben wollen – dann tun wir dasselbe wie Lilith: Wir aktivieren Eigenmacht, wir machen das Unsichtbare sichtbar, wir setzen Kraft frei, die Transformation ermöglicht.
Lilith ist der Atem der Freiheit, die Stimme der Grenze, die Kraft, die durch das Aussprechen von Wahrheit entsteht. Sie ist der Wind, der die verborgenen und vergessenen Räume füllt, der Sturm, der Ordnung und Unterdrückung in Bewegung bringt, und die stille Präsenz, die immer schon zwischen den Dingen weht.
~ Claudia@womanessence
Bild: Camilla Cordeiro, unsplash
